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Lucien Favre – Der „Nearly Man“ verzaudert die Deutsche Meisterschaft

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Die Fast-Meisterschaft des Lucien Favre

Es ist ein gut gemeinter Rat vom Premiere-Reporter nach dem 2:1-Erfolg beim 1. FC Köln an die Spieler von Hertha BSC: Am besten in den nächsten Tagen keine Zeitung aufschlagen. Zu groß, zu gefährlich scheint die Euphorie um die Spieler des Hauptstadtklubs nach dem 32. Spieltag in diesen Maitagen 2009 in Berlin zu sein. Der Boulevard in der hektischen Metropole hat in aller gebotenen Voreiligkeit schon lange vorher (fast) alle Register gezogen. Ein BILD-Reporter ist sogar schon mal sicherheitshalber mit einer Kopie der Meisterschale durchs Brandenburger Tor gelaufen.

Als die Berliner 1931 das letzte Mal Meister geworden sind, steckt Deutschland mitten in der Weltwirtschaftskrise. Und statt der Schale gibt es die Viktoria. Mit Beginn der Bundesliga-Ära 1963 wird Hertha BSC zur ersten Skandalnudel des deutschen Fußballs. Über Jahrzehnte. Dieses Image scheint man mit dem triumphalen Wiederaufstieg 1997 abgeschüttelt zu haben. Hertha lockt bei den Erst- und Zweitliga-Hits gegen den BVB (1:1), Bayern München (1:0) oder Lautern (2:0) mehr als 75.000 Zuschauer ins altehrwürdige Olympiastadion – und erreicht 1998/99 als Tabellendritter zum ersten Mal die Champions League. Hier zeigt die Mannschaft von Trainer Jürgen Röber, dass es die Bundeshauptstadt tatsächlich auf der Fußball-Europakarte gibt. Gegen den FC Chelsea (2:1) und den AC Milan (1:0) gelingen der „alten Dame“ im Herbst 1999 sensationelle Siege, die zweite Gruppenphase wird erreicht. Es ist der größte internationale Erfolg des oft so launischen Klubs.

2008 gestalten sich die Dinge ganz anders. Die umgerechnet 15 Millionen Euro an „Starthilfe“, die Hertha BSC seit dem Jahr 1994 für die sportliche Renaissance von der Bertelsmann-Tochter UFA erhalten hat, sind aufgebraucht. Der Wunsch von UFA-Mann und Hertha-Präsident Bernd Schiphorst, dieses Geld bis 2009 „wieder aus dem Verein heraus zu holen“, um „eine gute Rendite einzubringen“, wird sich nicht erfüllen.

Im Jahr 2009 verzaudert Lucien Favre die Deutsche Meisterschaft. Ein Jahr später ist Hertha zweitklassig und so gut wie pleite. Foto: Imago Images

Für 25 Mio. Euro kommen neue Spieler

Mit der Ankunft des bis dahin in der Bundesliga unbekannten Schweizer Trainers Lucien Favre wagt Hertha-Manager Dieter Hoeneß einen neuen (und letzten) Versuch. Er holt für den Taktik-Fuchs, mit dem er nie richtig warm wird, in zwei Transfer-Wellen (2007 und 2008) Stars für fast 25 Mio. Euro nach Berlin. Mit dem Brasilianer Raffael und dem Schweizer Steve van Bergen hat man den FC Zürich „geplündert“, Mittelfeldspieler Gojko Kacar kommt von Vojvodina Novi Sad. Schillerndster Spieler ist ein Leih-Stürmer: Der Ukrainer Andrij Woronin kommt vom FC Liverpool.

Mit exzellenter Defensiv-Arbeit, mit 41 Gegentreffern stellt man gemeinsam mit dem VfL Wolfsburg die beste Abwehr der Liga, hoher Laufbereitschaft und einem fast perfekten Umschalt-Spiel verblüffen die Berliner die Bundesliga. Am 20. Spieltag erklimmen sie durch zwei Woronin-Tore beim 2:1 gegen den Branchenriesen FC Bayern im ausverkauften Olympiastadion die Tabellenspitze, am 25. Spieltag sind sie mit 49 Punkten wieder Tabellenerster. Einen Punkt vor der Konkurrenz aus Wolfsburg, München und dem Hamburger SV. Der so lange erhoffte Sprung in den Kreis der ganz Großen mit dem FC Bayern oder Schalke – Borussia Dortmund befindet sich unter dem neuen Coach Jürgen Klopp noch in der Findungsphase – scheint gelungen. Nach dem 32. Spieltag und dem Erfolg in Köln ist man bei einem Punkt Rückstand wieder auf Schlagdistanz mit dem FC Bayern und Tabellenführer VfL Wolfsburg. Und hat ein vermeintlich leichtes Restprogramm mit Spielen gegen den im Mittelfeld dümpelnden FC Schalke und dem Tabellenletzten Karlsruher SC.

Die Euphorie um die Hertha ist in der Hauptstadt fast mit Händen zu greifen. 50.902 Zuschauer in der Saison 2008/09 im Schnitt machen das Olympiastadion bei einer Auslastung von mehr als 68 Prozent zur „Stätte gehobener Samstagnachmittag-Unterhaltung“, so dass Kicker-Spezial Finale 2008/09, „erstmals seit 10 Jahren überwand der Zuschauerschnitt wieder die 50.000-er Marke“. Hertha-Verteidiger Arne Friedrich staunt: „71.000 gegen Bochum – Berlin hat Hertha lieben gelernt.“

Favre nimmt Pantelic vom Feld – ein Fehler

Der Hauptstadt-Hype ist nach dem 33. Spieltag zu Ende. Favre nimmt Torjäger Marko Pantelic (sieben Saisontreffer) vorzeitig runter, die Herthaner scheitern beim 0:0 gegen den FC Schalke 04 am überragenden S04-Keeper Manuel Neuer und an den eigenen Nerven. Mit dem Remis gegen den in Berlin ungeliebten Revierklub ist der Traum von der Meisterschaft ausgeträumt. Nur ein Sieg hätte die Berliner bis zur letzten Runde im Titelrennen gehalten. „Gegen Schalke und in Karlsruhe (0:4) verspielte der Hauptstadtklub seine außergewöhnlich gute Ausgangsposition, bilanziert der Kicker das Finale 2008/09. Die Berliner können sich am letzten Spieltag nicht mehr von Rang vier lösen, der in diesem Abrechnungszeitraum nicht für die Champions-League-Teilnahme ausreicht. Sie verspielen den Neuanfang, den mühevoll erarbeiteten Kredit bei den Fans – und Millionen.

Entscheidend sind dabei nicht nur die letzten zwei Spiele, sondern die letzten neun Partien, in denen die Berliner nur 14 Punkte holen. Vor allem die Spieltage 26 und 27 sind richtungsweisend. Am 25. Spieltag noch Tabellenführer, verliert die „alte Dame“ am 26. Spieltag zu Hause gegen Borussia Dortmund (1:3) und am 27. Spieltag mit 0:2 bei Hannover 96. Entscheidend: Torjäger Pantelic ist verletzt und sein Sturmpartner Voronin erhält bei der Niederlage in Hannover eine Rote Karte.  Obwohl noch in Schlagweite zur Konkurrenz, hakt Favre daraufhin am 11.04.2009 nach der dritten Niederlage in Folge den Titel frühzeitig ab:

„WIR HABEN ALLE VOM TITEL GETRÄUMT, ES WAR EINE GROSSE EUPHORIE DA, DAS IST NORMAL. JETZT MÜSSEN WIR UNS AUF DEN UEFA-CUP-PLATZ KONZENTRIEREN. DAS WAR UND IST UNSER ZIEL.

Lucien Favre

Im Sommer 2009 geht Dieter Hoeneß

Was verwundert: Noch auf einem Champions-League Platz stehend gibt Favre als Ziel einen UEFA-Cup Platz aus. Im Sommer 2009 verlässt Dieter Hoeneß nach einem von persönlichen Eitelkeiten geprägten Dauer-Konflikt mit Hertha-Präsident Werner Gegenbauer und Coach Favre nach zwölf-jähriger Tätigkeit den Verein. Ex-Hertha-Profi, Bundesliga-Torschützenkönig und Manager-Novize Michael Preetz übernimmt. Er wird als Krisenmanager und Trainer-Killer einige Abstiege und Peinlichkeiten verantworten müssen. Als sportlicher Kardinalfehler wird sich zunächst der Verkauf von Abwehrchef Josip Simunic erweisen, der für sieben Mio. Euro zu 1899 Hoffenheim wechselt. Marko Pantelic geht ablösefrei zu Ajax Amsterdam. Woronin geht zurück nach Liverpool und wechselt im Januar 2010 zu Dynamo Moskau.

Der mühsame 1:0-Erfolg gegen Hannover 96 am 1. Spieltag bleibt lange der einzige Glücksmoment in der Saison 2009/10 in Berlin. Es folgen acht Niederlagen am Stück und 17 sieglose Spiele in Serie! Dass Lucien Favre den Machtkampf mit Dieter Hoeneß gewonnen hat, ist im Oktober 2009 nichts mehr wert. Der Schweizer, der die verblüfften Berliner Fans und Journalisten mit Fachbegriffen wie „Polyvalenz der Spieler“ konfrontiert, wirft hin.

Michael Preetz verpflichtet Friedhelm Funkel

Preetz sieht in Friedhelm Funkel den adäquaten Ersatz für Favre – eine Fehlentscheidung. Funkel kommt und erlebt am 4. Oktober 2009 zur Premiere gegen den Hamburger SV (1:3) ein Desaster. Innerhalb von 120 Sekunden kassiert Herthas Ersatzkeeper Sascha Burchert zwei Gegentore von David Jarolim und Zé Roberto nach Distanzschüssen, bei denen er jeweils zu weit vor dem Tor steht. Hertha wird zur Lachnummer. Vom 6. bis zum 34. Spieltag bleibt Hertha BSC konstant auf dem letzten Tabellenplatz. Die Winter-Transfers Theofanis Gekas, Lewan Kobiashwili und Roman Hubnik kommen zu spät. Funkel moniert, dass die Mannschaft nicht fit sei. Er bemängelt vor allem die schlechten Sprintleistungen, übersieht dabei aber geflissentlich, dass Hertha unter Favre ein ganz anderes – eher passorientiertes – Spiel spielt – mit den dafür passenden Akteuren.

Immerhin: Seine Einschätzung stützen die Zahlen. In der Tabelle der 2. Halbzeit ist Hertha BSC mit nur 27 Punkten das schwächste Team der Liga. Neun Punkte machen den Überflieger der Vorsaison zur schlechtesten Heim-Mannschaft der Saison. „Friedhelm Funkel hat eine Mannschaft übernommen, die mental völlig am Boden war“, so das Fazit von Arne Friedrich.

„Wir haben ein Jahr zuvor an der Meisterschaft geschnuppert und am Ende die Champions League verpasst. Das gab mental einen Knacks. Zudem konnte der Verein den Verlust von Pantelic, Simunic und Woronin nicht kompensieren.“

Arne Friedrich

Der Abstieg steht fest

Und steigt ab. Am 33. Spieltag vergibt man beim 1:1 bei Bayer Leverkusen Dutzende Tor-Möglichkeiten – und die letzte Chance auf die Rettung. Franz Beckenbauer empfiehlt anschließend im Sky-Studio juristische Schritte: „Die müsstest du eigentlich anzeigen. Es gab so viele Chancen, die Hertha verpasst hat!“

Richtig, richtig. Aber keine ausgelassene Tor-Gelegenheit schmerzt so sehr und ist so folgenreich, wie die vergebene Meisterschafts-Chance. „Irgendwann“, schluchzt Josip Simunic am Tag nach dem letzten Spieltag 2008/09 bei der Hertha-Mitgliederversammlung in Saal 1 des Internationalen Congress-Centrums, „irgendwann werden wir Deutscher Meister.“ Nein, anders. Irgendwann fangen wir wieder von vorne an…

Die 2. Bundesliga und die finanzielle Katatstrophe

Denn zunächst muss der Verein in die 2. Bundesliga und die finanzielle Katastrophe abwehren. Dieter Hoeneß hinterlässt in der Hauptstadt einen Schuldenberg, der Verein steht wieder mal am Rand des Bankrotts. Champions-League in der Saison 2009/10 und nicht nur UEFA Cup, das hätte finanziell einen großen Unterschied gemacht. Vielleicht wäre Simunic nicht gegangen oder ein anderer Top-Verteidiger hätte geholt werden können. Vielleicht hätte Favre die Mannschaft auch sinnvoll verstärkt.  So ist die „alte Dame“ ein Jahr, nachdem man Tabellenführer der Bundesliga war, Tabellenletzter und kurze Zeit später spielt man im Schacht in Aue. Ein Ostderby der besonderen Art und nichts mit Hauptstadtklub misst sich mit London, Paris, Madrid oder Rom… Frei nach dem Berliner Motto: „Keene Haare uff’m Kopp, aba ‘n Kamm inner Tasche!“

Die verzauderte Meisterschaft des „Nearly Man“ Lucien Favre ist ein „Very Special Moment“ in der Historie von Hertha BSC.

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