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Hertha BSC – Unter Feinden. Die Fanfeindschaft zu Schalke 04

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Hertha BSC war über Jahrzehnte und bis zur Wende die West-Berliner Fußballinsel mitten in der DDR. Ein von Anfang an schwieriger Bundesliga-Standort – Rivalitäten, Feinschaften und Fan-typische Hahnenkämpfe inklusive.

Der erste Verein der Bundesliga, der wegen Lizenzentzug absteigen musste

Die „alte Dame“ war der erste Verein der Bundesliga, der wegen Lizenzentzug absteigen musste. Die weiteren West-Berliner Bundesligisten, wie das vom DFB 1965 eilig in die Liga gehievte Tasmania 1900, die Charlottenburger Tennis Borussia und das One-Hit-Wonder von Blau-Weiß 90 Berlin, konnten den Charlottenburgern aber in Sachen Fan-Popularität nie das Wasser reichen.

Im Gegenteil: Sie wurden sportlich mit zu den größten Lachnummern der Liga-Historie. Kaum ernst zu nehmen. Dass Blau-Weiß 90 bei seinem Bundesliga-Aufstieg 1986 mit Götz George warb oder eine Single mit Bernhard Brink aufnahm, konnte den eingeschworenen Herthanern allenfalls ein müdes Lächeln aufs Gesicht bringen. „Nu kiek der det an, die wollen et aber wirklich wissen, wa?“ – Äh nein, für eine brisante Rivalität auf dem Rasen und auf den Rängen waren Blau-Weiß 90 und die vom Schlagerproduzenten Horst Nussbaum, den alle nur Jack White nennen, unterstützten Violetten von „TeBe“ gänzlich ungeeignet.

Es nützte alles nichts, Hertha BSC musste sich seine Feinde im Westen suchen. Nicht in West-Berlin, logischerweise, sondern tief im Westen. Zum erklärten Gegner der Spree-Kicker wurde der FC Schalke 04. Beide Vereine verbindet eine alte Rivalität, von der aber nur die Berliner wissen.

Warum Schalke ein Feindbild für die Berliner ist…

Sie hat viel mit Skandalen und Spielmanipulationen zu tun. Zwei Disziplinen, in denen beide Klubs in der Vergangenheit ziemlich firm waren. Bei Schalke haben sie bis heute aber nichts bzw. nicht viel von jener Rivalität mitbekommen. Denn durch Gelsenkirchen sollte man besser nicht mit dem Auto spazieren fahren, wenn man ein Dortmunder Kennzeichen besitzt – oder gar eine BVB-Dekoration auf der Ablage hat. Aber Hertha? Achselzucken! Bei den Berlinern sieht man das anders.

Das liegt daran, dass die Erinnerungen an das Jahr 1971 nicht verblasst sind. Damals im Dezember, als der Bundesligaskandal seine Kreise zog, fühlte man sich von Schalke betrogen. Vor dem Erstrundenrückspiel im DFB-Pokal gegen S04 sollte Herthas ungarischer Stürmer Zoltan Varga wegen seiner Beteiligung am Bestechungsskandal mit einer Vorsperre belegt werden.

Sein Prozess hatte nämlich noch nicht begonnen. Varga wehrte sich dagegen, erwirkte eine einstweilige Verfügung und war zwei Tage später an zwei der drei Treffer beim 3:0-Sieg der Hertha gegen Schalke beteiligt. Noch am selben Abend legte S04 Einspruch ein. Ein paar Wochen später wandelte das DFB-Sportgericht Herthas Sieg in eine 0:2-Niederlage um. Schalke kam weiter und gewann am Ende auch den Pokal.

Hertha und Schalke: Zwei Skandalklubs, die aber unterschiedlich behandelt wurden…

Doch das ist längst nicht alles. Der Stachel sitzt bei den Berlinern noch aus anderen Gründen so richtig tief.

(1) Weil es in der Saison 1964/65 in der gerade neu geschaffenen Bundesliga zu ersten Unregelmäßigkeiten kam und Schalke und der KSC wegen Verstößen gegen die damaligen Ablösebeschränkungen zuerst zu Punktabzügen verurteilt, später jedoch begnadigt wurden. Hertha jedoch wurde wegen ähnlicher Vorgänge zum Zwangsabstieg verdonnert (deswegen spielte Tasmania Berlin auch ein Jahr in der Bundesliga – und brach alle Negativ-Rekorde), von dem wiederum ausgerechnet Schalke profitierte, das die Saison 1964/65 als Letzter beendet hatte.

(2) Weil in der Schalker Mannschaft im Jahr 1971 diverse Spieler standen („Stan“ Libuda Rolf Rüssmann, Klaus Fischer u. a.), denen später selbst die Beteiligung an Spiel-Manipulationen nachgewiesen werden konnte. Weil die Schalker dies allerdings zunächst bestritten, während Herthas Varga geständig war, ist für die „Königsblauen“ bis heute in Berlin auch die Bezeichnung „FC Meineid“ gebräuchlich. Da herrscht dann keinesfalls Achselzucken.

Die Abneigung von damals hat bis in die Gegenwart Gültigkeit. Und es gibt nicht wenige, die zum Beispiel das Scheitern von Huub Stevens bei Hertha auch damit in Verbindung bringen, dass der Trainer bei S04 Kult war und ist – und von den Berliner Anhängern nie richtig angenommen wurde, obwohl er 2002 zu den erfolgreichsten seiner Zunft gehörte.

Und es bleibt zu erwähnen, dass die Schalker 2008/2009 mit einem 0:0 am 33. Spieltag in Berlin die mögliche und wohl historische Meisterschaft von Hertha BSC in der Bundesliga verhinderten. Das hat sicher vieles ausgelöst in Berlin, aber nicht zur Verbesserung der blau-weißen, diplomatischen Beziehungen beigetragen.

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